Friedel Kloke-Eibl interviewte während ihrer Brasilienreise im September 2009 in Brasilia einen der berühmtesten...
Friedel Kloke-Eibl interviewte während ihrer Brasilienreise im September 2009 in Brasilia einen der berühmtesten Schriftsteller Brasiliens für die Zeitschrift BALANCE.
Nicolas ist von deutscher Abstammung und wurde 1958 in Cuiabá geboren. Seit 1975 lebt er in Brasília. In Brasília gab es eine starke Jugendbewegung, die u.a. zum Ziel hatte, die Künstler, den Dichter `zurück auf die Straße‘ zu bringen. Nicolas ist die Referenzperson für die sogenannte „Candanga-Kultur“*, eine marginale Bewegung in der Kunst, die in Brasília ihren Ausgangspunkt hat. Man wollte nicht mehr in einem Elfenbeinturm sitzen. Viele Dichter wollten das akademische durchbrechen, hinter sich lassen. Die großen Verlage waren nur an der Herausgabe klassischer Bücher interessiert, aber die jungen Dichter suchten den Kontakt mit den Menschen, den Lesern.
Nicolas Behr gab sein erstes Buch, das ein Bestseller wurde, in den 70er Jahren im Eigenverlag heraus. Sein Buch verkaufte er in Schulen und immer dort, wo Kunstinteressierte zu finden waren, so z.B. in den Warteschlangen an den Theater- und Kinokassen. Die Büchlein waren klein, einfach und sehr billig. Es war wie ein Fieber, eine Manie. Es war wichtig, dass Brasilia eine lebendige Stadt wurde, nicht nur eine Idee. Man wollte sie durch die Kunst humanisieren. Das war das Thema, das war die Herausforderung. „Ich war sehr aktiv in dieser Zeit, fuhr von einem Vortrag zum andern und war überall gleichzeitig.“
Geprägt war diese Zeit von großer Spontanität; alles wirkte einfach zusammen. Die lyrische Dichtung war nicht mehr nur etwas für Intellektuelle sondern auch für einfache, nicht akademisch geschulte Menschen – nicht mehr kalt und distanziert sondern sehr kommunikativ. Sie wollte die Menschen zusammenbringen und den Alltag beschreiben. Nichts Intellektuelles.
Viele akademische Ideen wurden über Bord geworfen, manche Tabus gebrochen und die Mystifikation wurde aufgehoben. In den 80er Jahren war es dann zu Ende. Die Kunst, die Dichtung hatte ihre Mission erfüllt.
„Wir haben aufgeräumt mit der romantischen Vorstellung und dem Vorurteil: Dichter sind verrückt bzw. arm, tief unglücklich und innerlich zerrissen. Nein, man kann ein ganz normales Leben führen, Frau und Kinder haben, heiter und glücklich sein und muss nicht in die Mystifikation, oder sterben, um bekannt und berühmt zu werden.
Für mich ist die Dichtung eine Art Instrument des Glückes. Bei den vielen Vorträgen, die ich in Schulen etc. halte, weise ich immer darauf hin, dass man nicht alles wissen muss über Dichtung, über die Tradition. Jeder sollte Dichtung lesen und auch schreiben, etwas, was die Leute verstehen können. Wie schon gesagt: die Dichtung sollte kommunikativ sein. Wichtig ist auch, dass der Dichter geerdet ist. Meine Erdung sind z.B. meine Söhne, meine Gärtnerei und Baumschule. Hier geschieht ganz Irdisches, ganz Alltägliches: Ich pflanze, kaufe und verkaufe, hege und pflege.
Ich bin eigentlich ein Macher und ungeduldig. Die Pflanzen lehren mich Geduld. Auch ein Gedicht muss wachsen und reifen. Immer wieder schaut man es an und entscheidet, was gut und weniger gut ist. Brasilia, diese jungfräuliche Stadt in der Dichtung, ist mein Thema. Es wurde noch wenig über diese Stadt geschrieben, es sei denn von Menschen, die als Touristen in die Stadt kommen und über die Architektur berichten. Sie sehen also die Stadt von außen. Ganz anders ist die Sicht von jemandem, der wohnt und lebt in dieser Stadt.
Im positiven Sinne bin ich von der Stadt traumatisiert. Man muss einfach eine Art zu leben finden in einer künstlichen Stadt. Da ich jedoch nicht eine Geisel bzw. Dichtergeisel von Brasilia sein möchte, schreibe ich auch über meine Kindheit.
Ich wohnte auf einer Farm. Später wurde ich mit weiteren 80 Kindern, meist indianischer Abstammung, in einem Internat erzogen, das von Jesuiten geleitet wurde. Es gab strenge Regeln, viele Restriktionen. Für mich war das Schwierigste, getrennt von meiner Familie und den Spielkameraden zu sein. Aber Kinder finden immer eine Möglichkeit, sich glücklich zu machen. Ein indianischer Junge war mein Freund, den ich leider nach dem Verlassen des Internats nie wieder gesehen habe. (Viele Jungen wurden auf den Namen Ignatio getauft, nach Ignatio von Loyola, so dass man im Nachhinein nicht mehr weiß, um welchen Ignatio es sich gehandelt hat.) Über diese Freundschaft habe ich viel geschrieben. Ich bin / schreibe sehr ökonomisch und radikal. (Punk).
Jemand sagte mir einmal: ‚Es fehlt Dichtung in deiner Dichtung.‘ Die Poesie sollte lyrisch sein, finden Menschen. Als ich das Buch über meine Kindheit schrieb, sagten die Leute: „Endlich Dichtung, endlich Poesie“. Das Buch war sehr schnell vergriffen und jetzt schreibe ich ein neues Buch über meine Kindheit.
Das Wort war immer mein Medium und das Objekt Buch ist mir wichtig. Zwar sagen viele über meine Gedichte, dass sie melodisch sind. Das mache ich jedoch nicht bewusst. Für mich steht die Idee, die Botschaft zentral. Ich möchte die Menschen zum Denken anregen, Denkanstöße geben, dass ihnen etwas im Gedächtnis bleibt. Meine Gedichte sind wie ein Knochengerüst ohne Fleisch, die die Essenz konzentriert widergeben...
Gedicht aus dem Gedichtbündel „Poesília“ (Übersetzung Nicolas Behr / F. Kloke-Eibl)
Mit der Rolltreppe
des Busbahnhofs Brasílias
steige ich zum Himmel auf.
Hier ist der Korpus Christi
kein Brot
sondern Fleischpastete.
Hier ist das Blut Christi
Kein Wein
Sondern Zuckerrohrsaft.
Wer ist der Schutzheilige dieser Stadt?
Dom Bosco** oder Padim Ciço***?
*Das Wort „candango“ kommt aus dem Quimbundo (Angola) und bedeutet „schlecht“, „ordinär“, “Bösewicht“, „jemand mit einem schlechten Geschmack“. Mit diesem Ausdruck bezeichneten die Angolaner die portugiesischen Kolonialherren. In Brasilia tauchte dieser Ausdruck im Zusammenhang mit den Maurern und Hilfsarbeitern aus dem Nordosten auf, die geholt wurden, um die Stadt als zu erbauen und danach einfach dortblieben...
**Für die Einwohner Brasilias ist Dom Bosco, ein italienischer Priester, der Schutzheilige der Stadt. Dom Bosco (1818 – 1888), Gründer des Salesianerordens, 1934 heiliggesprochen. Seine Beziehung zu Brasília stammt von einem seiner Träume in dem er zwischen dem 15. und 20. Breitengrad der südlichen Halbkugel, in der Nähe eines Sees einen Ort unermesslichen Reichtums sah. Dieser Ort wurde später mit Brasília identifiziert, was der Grund für die Ernennung Dom Bosco zum Schutzheiligem Brasiliens ist.
*** Für die amtliche Kirche war Padre Cicero (Padim Ciço) kein Heiliger, aber für die Menschen. Padre Cicero (1844 – 1934), ein charismatischer Priester aus Crato, Ceará, mitten im Tockengebiet des Brasilianischen Nordosten, der großen Einfluss auf das politische und religiöse Leben ausübte und dem Wunderheilungen zugeschrieben wurden. Vom Vatikan wurde er 1898 exkomuniziert. Vor allem von der armen Bevölkerung des Nordostens wird “Padim Ciço” bis heute als Schutzheiliger verehrt.
Psicoterapia Individual
Psicoterapia individual com abordagem Jungiana no enfoque de Roger Woolger, com uma abordagem de suas memórias...